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„Jeder denkt mal, dass woanders alles besser ist“ – Ein Interview mit Boy

Von Hamburg in die weite Welt: Das deutsch-schweizerische Popduo BOY ist mit seiner ersten Platte „Mutual Friends“ einmal um den Globus getourt. Bekannt machte sie vor allem der Song „Seven little numbers“. Ob New York oder Tokio: Das Publikum war verliebt in diesen Ohrwurm. Nach dem Riesenerfolg verschwanden Sängerin Valeska Steiner und Musikern Sonja Glass für eineinhalb Jahre von der Bildfläche. Sie schrieben ihre vielen Erfahrungen auf und mischten sie mit modernen Beats. Es sind tiefgründig-melodische Popsongs zum Mitwippen, Nachdenken und Schmunzeln entstanden. BOY über den Beginn ihrer Karriere, Social Media und die Schönheit des Alltags.

 

Euren Radio-Hit „Seven Litte Numbers“ hat man immer noch in den Ohren. Das ist jetzt circa zwei Jahre her. Wie würdet ihr die Musik beschreiben, die ihr heute macht?

Valeska: Es ist immer noch Popmusik. „We wer here“ ist ein wenig melancholischer als das erste Album, aber es ist nicht so schwer, dass es einen herunter zieht. Die Grundstimmung bleibt positiv.

 

Warum ist es melancholischer als das erste Album?

Sonja: Wir haben viel erlebt und sind älter, ein bisschen reifer geworden. Für mich fühlen sich die Songs ernsthafter und nicht mehr so verspielt an.

Valeska: Ja. Beim ersten Album gab es ein euphorisches Thema: Die Aufbruchstimmung. Ich bin von Zürich nach Hamburg gezogen. Ich wusste nicht, was mich da genau erwartet.

 

Ihr ward gemeinsam auf großer Welttournee. Wofür seid ihr besonders dankbar?

Sonja: Für uns ist ein heimlicher Wunsch in Erfüllung gegangen. Man traut sich so etwas gar nicht, laut vor anderen zu sagen: Wir wollten unbedingt einmal in unserem Leben in Amerika spielen. Und das ist plötzlich Wahrheit geworden.

Valeska: Für mich war es so schön zu sehen, dass wir zwar an andere Orte gereist, aber immer die gleichen gewesen sind. Die Songs immer die gleichen waren. Dass unsere Musik plötzlich eine Verbindung zu fremden Menschen geschafft hat. Und ein unbekanntes Publikum unsere Lieder singen konnte. Das war überwältigend.

 

Egal, ob in Deutschland oder Japan, eure Musik hat die verschiedensten Menschen zusammen gebracht.

Sonja: Ja, genau. Man lebt tausende Kilometer von einander entfernt und trotzdem beschäftigen sich die Leute mit den gleichen großen und kleinen Gefühlen.

 

Seid ihr auch privat noch weiter gereist?

Sonja: Nein, dafür fehlte die Zeit. Aber es gibt jetzt noch viel mehr Orte, die wir besser kennenlernen wollen.

 

Und während eurer längeren Schaffens-Pause?

Valeska: Nein.

Sonja: Jein. Ich war mal für 10 Tage in New York, aber weiter weg nicht.

 

Woran lag das?

Sonja: Wir haben ehrlich gesagt sehr viel gearbeitet. Wir sind langsame Schreiber. Wir schreiben erst zu viel, um dann auszusortieren, schauen genau hin, was uns bewegt, was uns wichtig ist.

 

Das klingt wirklich zeitintensiv…

Sonja: Unsere Texte sind wahrscheinlich so aufwendig wie eine Forschungsarbeit.

 

Der Song „New York“ erzählt von der Sehnsucht nach Abenteuer. Woher nehmt ihr die Inspiration für eure Geschichten, wenn es mal nur normal zugeht?

Valeska: Am besten kann man von Sachen erzählen, die man kennt, die einem nah sind. Wenn man da genauer hinsieht, merkt man dann, dass man überhaupt gar nicht so viel suchen muss. Etwas Großes wollen muss. Jeder denkt mal, dass woanders alles besser ist. Wahrscheinlich sogar die Menschen in New York. Vor der eigenen Haustür passiert aber auch genug.

 

In „Hit My Heart“ habt ihr euch mit Facebook und co. auseinander gesetzt. Wieso hat euch das so beschäftigt?

Valeska: Es gibt eigentlich größere Probleme in der Welt. Die sozialen Medien sind aber ein Phänomen unserer Zeit, an dem man nicht vorbei kommt. Wir leben in diesen zwei Welten. Online zeigt man sich so, wie man gesehen werden will. Und offline sieht es vielleicht ganz anders aus. Bei einem selbst entsteht dann dieses Gefühl: Überall ist es so toll, nur bei mir irgendwie nicht.

 

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Credit: Debora Mittelstaedt

Wie seid ihr eigentlich zur Musik gekommen?

Sonja: Ich habe von 12 bis 18 Cello gespielt. In der Klassik habe ich mich aber nicht so wohl gefühlt. Ich habe schon früh Songs auf einem Vielspurgerät aufgenommen. Das gibt es heute gar nicht mehr. Erst mit Anfang zwanzig habe ich richtig angefangen, Musik zu produzieren. Also relativ spät.

 

Und wie fing bei dir alles an, Valeska?

Valeska: Das Klavier brachte mich zur Musik. Mein Lehrer hat meine Kreativität sehr gefördert, weil er nicht auf Noten fixiert war. Mit 13 habe ich angefangen, Gesangsstunden zu nehmen. In meiner Freizeit habe ich immer in Bands gesungen, Songs gecovert und auch selbst geschrieben. Nach meinem Abitur habe hab ich gekellnert und lebte mich in unterschiedlichen Stilrichtungen aus. In Elektro-Projekten oder als Backround-Sängerin in einer afrikanischen Band. Danach wusste ich, das ich eigentlich Popmusik machen möchte.

 

Wer sind eure musikalischen Vorbilder?

Valeska: Textlich hatte ich ein Aha-Erlebnis, als ich mir Susan Vega anhörte. Das war eine Musik, die auf eine andere Art und Weise etwas erzählt. So richtige Geschichten.

 

Hab ihr ein persönliches Ritual, bevor ihr auf die Bühne geht?

Sonja: Ich brauche immer ein bisschen Ruhe und Zeit für mich. Ich will lieber gar nicht wissen, wie viele Leute gekommen sind. Das macht mir eher Angst.

Valeska: Ich bin das genaue Gegenteil. Ich gehe vor Konzerten super gerne noch einmal durch den Raum und schau mir die Menschen an. Ich möchte dann gar nicht sprechen, nur schauen. So fühle ich mich besser vorbereitet für den Moment, in dem ich die Bühne betrete. Leider ist das nicht immer möglich.

 

Und wenn ihr vor dem Publikum steht, wie geht es euch dann?

Valeska: Dann baut sich das Vertrauen meist innerhalb des ersten Songs auf und die Aufregung verfliegt.

Sonja: Das ist der Idealfall, ja. Das Schlimmste ist aber, wenn man erst auf der Bühne aufgeregt wird. Dann ist man so fahrig. Das passiert Gott sei dank nicht so oft.

 

Und wenn die Stille nach dem Konzert kommt, wie fühlt sich das an?

Sonja: Manchmal ist es sehr absurd. Man fühlt sich sehr weit weg von zu Hause. Das kann aber auch vor Publikum passieren. Es gibt so Tage, an denen ich lieber unter der Bühne stehen würde.

Valeska: Wenn man zwei Monate auf Tour ist, ist man eben nicht jeden Abend gleich in der Stimmung, auf die Bühne zu gehen.

 

Und was tut ihr, wenn euch das Heimweh übermannt?

Ein Teil unserer engsten Freunde reist mit uns mit. Für uns ist die Band also auch ein bisschen wie ein Zuhause. Da haben wir großes Glück. Aber sonst schreiben wir E-Mails, telefonieren. Und halten so den Kontakt nach Hause aufrecht.

 

Was verbindet ihr mit Heimat?

Valeska: Ich habe mittlerweile zwei Zuhause Zürich und Hamburg. Bei mir ist es aber hauptsächlich von den Personen abhängig. Ich liebe meine Wohnung in Hamburg aber auch total. Und ich liebe die Landstraße in Zürich, wo ich immer Menschen treffe, die ich kenne. Die Straße ist im Zürcher Rotlichtviertel, ein verruchter Ort. Aber dort gehen immer alle aus.

 

 

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Habt ihr noch andere Träume, die ihr euch gern erfüllen wollt?

Sonja: Das ist eine schwierige Frage. Eigentlich wollte ich immer unbedingt ein eigenes Album zu machen.

 

Da ist ja jetzt schon ein Haken dran.

Sonja: Stimmt. Und das entspannt uns. Wir haben so vieles erlebt, was uns nicht mehr genommen werden kann. Und jetzt schauen wir einfach, wie es weiter geht.

 

Wir drücken euch auf jeden Fall die Daumen! Vielen Dank für das schöne Interview!

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